Gewalt gegen Homosexuelle nimmt stark zu

In Deutschland ist die Zahl der Straftaten gegen Schwule, Lesben, Bi-, Trans- und Intersexuelle im ersten Halbjahr 2017 um fast 30 Prozent angestiegen. Die Zahl der Gewaltdelikte wuchs sogar um 50 Prozent. Über die Herkunft und die mögliche Ideologie der Täter sagen die Zahlen der Bundesregierung neuerdings fast nichts mehr aus.

Wer sich in Deutschland als Angehöriger einer sexuellen Minderheit zu erkennen gibt, lebt zunehmend gefährlich. Dieser schon länger anhaltende Trend wurde nun erneut mit Zahlen belegt. Wie die NZZ berichtet. Laut dem Bundesinnenministerium wurden in den ersten sechs Monaten 2017 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum fast 30 Prozent mehr Straftaten registriert, in denen die Tat einen klaren Bezug zur sexuellen Orientierung des Opfers hatte. Das steht in einer schriftlichen Antwort des Parlamentarischen Staatssekretärs Ole Schröder von der CDU an den Grünen-Abgeordneten Volker Beck, der diese Auskunft Ende Juli erbeten hatte.

Hohe Dunkelziffer vermutet

Im ersten Halbjahr 2017 wurden demnach 130 solcher Straftaten gemeldet, zu denen 70 Tatverdächtige ermittelt werden konnten. Im Vorjahreszeitraum gab es 102 gemeldete Straftaten und 58 Tatverdächtige. Die grössten Anstiege gab es in den Kategorien Volksverhetzung und Gewaltdelikte, worunter in diesem Jahr Fälle von Körperverletzung, Raub und Erpressung fielen. Im ersten Halbjahr 2016 hatte das Ministerium noch 22 Gewaltdelikte gezählt, im ersten Halbjahr 2017 waren es 33. Das entspricht einem Anstieg von 50 Prozent.

Über die Motivation der Gewalttäter erfährt man aus der Antwort des Innenministeriums leider fast nichts. Die Tabellen unterschieden zwar zwischen vier Kategorien: «links», «rechts», «ausländische Ideologie» und «religiöse Ideologie». Doch bei den Gewaltdelikten landeten in diesem Jahr 30 von 33 Fällen in der fünften Spalte: «nicht zuzuordnen». Das war im Vorjahreszeitraum noch anders. Da entfielen die meisten Fälle – 8 von 22 – auf die Kategorie «Ausländer». (Diese Kategorie wurde 2017 neu in «ausländische Ideologie» und «religiöse Ideologie» aufgeteilt.) Weitere acht Fälle waren 2016 nicht zuzuordnen, sechs entfielen auf die Kategorie «rechts». 

Generell zeigen die Zahlen des BMI nur den Trend an. Über das Ausmass des Problems sagen sie wenig aus. Die Dunkelziffer der Straftaten gegen Angehörige sexueller Minderheiten dürfte in Deutschland um ein Vielfaches höher sein. Das liegt nach Angaben von Opferschutz-Vereinen an den vielen Fällen, die nie gemeldet werden, meist aus Scham.

Wie gefährlich das Leben für Homosexuelle allein in Berlin geworden ist, zeigen die Zahlen des Projekts Maneo, das seit mehr als einem Vierteljahrhundert Übergriffe in der Hauptstadt auswertet. Die Mitarbeiter zählten im vergangenen Jahr 291 Straftaten, ein Drittel davon Körperverletzungen. Betroffen waren in den meisten Fällen schwule Männer. Auch bei Maneo gehen nur Fälle in die Statistik ein, die von den Opfern selbst beim Projekt gemeldet werden. Die Mitarbeiter gehen davon aus, dass 80 bis 90 Prozent der Straftaten verschwiegen werden.

Der Grünen-Abgeordnete Beck spricht von einer erschreckenden Entwicklung. «Eine solche Steigerung ist ein Armutszeugnis für die Präventionsarbeit der Bundesregierung», sagt er. Der deutsche «Aktionsplan gegen Homo- und Transphobie» sei ein freundlich formulierter Papiertiger ohne Strategie. Hier brauche es nach der Bundestagswahl im Herbst dringend einen neuen Anlauf. Homophobie müsse angegangen werden, «unabhängig davon, ob sie islamistisch oder völkisch-national, religiös, politisch oder mackerhaft patriarchal daherkommt und begründet wird».

Zu Becks Kritik wollte sich beim Bundesinnenministeriums am Mittwoch auf Anfrage der NZZ kein Sprecher äussern.

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Post Autor: Sternmone

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