IS-Experte fordert Empathie von Muslimen und Islam-Reform

Nach den jüngsten Anschlägen hat eine Diskussion begonnen, was Muslime selber tun können, um sich der Gewalt entgegenzustellen. Der Orientalist und Psychiater Jan Kizilhan ist IS-Experte, er hat mit Opfern und den Mördern der Miliz gesprochen. In der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ sprach er über die Hintergründe des Terrors. Im Interview mit FOCUS Online erläutert er, was er sich von Muslimen wünscht.

FOCUS Online: Herr Kizilhan, der Konzertveranstalter Marek Lieberberg kritisierte nach dem Terror-Verdacht bei „Rock am Ring“, dass Muslime nicht gegen den Terror demonstrierten. Sie stimmen offenbar dieser These zu. Sie sagten in der ZDF-Sendung „Markus Lanz“: „Muslime müssen viel mehr aufstehen und aufschreien“. Wie könnte dieser Protest aussehen?

Jan Ilhan Kizilhan: In erster Linie sind die muslimischen Dachorganisationen, Politiker, Intellektuelle gefragt. Sie müssen als Vorbilder endlich Verantwortung übernehmen und sich vom Terror im Namen des Islam distanzieren.

FOCUS Online: Aber sind diese Personen nicht oft weit weg von der Lebenswelt junger Muslime, die in erster Linie Anschläge verüben und für Radikalisierungs-Versuche empfänglich sind?

Kizilhan: Deshalb sehe ich die Imame in den Moscheen, auch in Deutschland, als wichtiges Element. Wir wissen bei vielen von ihnen nicht, welche Auslegung des Islam sie predigen. Wie wichtig die Imame sind, zeigt folgende Statistik: 30 bis 40 Prozent aller Muslime haben den Koran nicht oder nur teilweise gelesen. Sie sind also in ihrer Interpretation auf die Predigten der Imame angewiesen. Hier liegt ein Schlüssel.

FOCUS Online: Und was genau sollten normale Muslime tun? Demonstrieren?

Kizilhan: Ich vermisse einen Aufschrei in der islamischen Welt. Muslime protestieren weltweit gegen islamkritische Karikaturen, aber es gab keine Welle der Empörung nach den jüngsten Anschlägen, die angeblich im Namen des Islam begangen wurden. Wo sind die jungen Muslime, die sich dafür schämen, die sich dagegen wehren, dass ihre Religion dafür vereinnahmt wird, Unschuldige zu töten? Ich frage mich: Wo ist eure Empathie mit den Terroropfern?

FOCUS Online: Welche Aussage erwarten Sie von Muslimen?

Kizilhan: Der Islam muss eindeutig dazu Stellung nehmen, dass niemals im Namen der Religion ein Mensch getötet werden darf. Der Islam behauptet, eine Religion des Friedens zu sein. Aber er muss eine Religion des Friedens gegenüber allen Menschen sein, nicht nur gegenüber den Muslimen selber.

FOCUS Online: Sie sagen: Der Islam müsste dies tun. Wen meinen Sie damit konkret?

Kizilhan: Genau das ist ein Problem. Es gibt wichtige Gelehrte, etwa an Universitäten, es gibt wichtige Imame. Es gibt aber keine einheitliche Stimme.

FOCUS Online: Kommt dem einzelnen friedliebenden Muslim damit eine wichtigere Rolle zu?

Kizilhan: Muslimische Eltern spielen eine entscheidende Rolle. Sie müssen ihren Kindern den Unterschied zwischen dem, völlig akzeptablen, persönlichen Glauben und dem nicht zu akzeptierenden Terror verdeutlichen. Sie müssen aus ihren Kinder reflektierte Muslime machen. Und junge Muslime, die sich zu der freiheitlichen Demokratie bekennen, müssen dies auch in den sozialen Netzwerken kundtun. Dort müssen sie den Terror ablehnen.

FOCUS Online: Sie haben bei Lanz auch gesagt, es gebe noch keinen friedlichen Islam. Können Sie das näher erläutern?

Kizilhan: In Europa haben wir viele Jahrhunderte gebraucht, bis wir unsere moderne Gesellschaft etabliert haben, die unter anderem auf der klaren Trennung zwischen Staat und Religion und dem Gewaltmonopol des Staates fußt. Auch wenn in der Bibel steht: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ haben wir es verinnerlicht, dass dies der modernen Gesellschaft nicht mehr entspricht. Der Islam hat dies noch nicht geschafft. Ich vermisse das Bemühen um die Schaffung einer modernen islamischen Gesellschaft, um eine Reform des Islam.

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Post Author: Sternmone

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