Wettlauf um Religiosität in Indonesien

Jahrzehntelang war Indonesien berühmt für seine religiöse Toleranz.

Doch in jüngster Zeit wird der Islam als politische Kraft immer wichtiger – ein Alarmzeichen für die junge Demokratie.

Es sind irritierende Bilder aus Jakarta: Der Gouverneur der indonesischen Hauptstadt sitzt wie ein Schulbub vor einem Tribunal, das ihn wegen Beleidigung des Korans, seiner Anhänger und wegen angeblicher Uneinsichtigkeit zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.

Die Polizei führt ihn ab, steckt ihn sofort hinter Gitter, unter anderem – so heisst es –, um ihn vor jenen zu schützen, die ihm nach dem Leben trachten. Ein wahrlich seltsamer Sturz eines Vollblutpolitikers, der noch vor kurzem gegen drei Viertel der Bürger hinter sich wusste, dazu Rückendeckung durch Staatspräsident Joko Widodo hatte – so glaubte man wenigstens.

Indonesien ist nicht die einzige Demokratie, in der Blasphemie ein Straftatbestand ist. Als archaische Relikte finden sich entsprechende Gesetze beispielsweise in Irland und Neuseeland, wo indessen parlamentarische Anläufe zur Abschaffung genommen werden oder wo zumindest gesunder Menschenverstand herrscht. Indonesien, bevölkerungsmässig die drittgrösste Demokratie und das grösste muslimische Land, geht in eine andere Richtung: Über 200 Verfahren wegen «Gotteslästerung» zählt man dort für die vergangenen zehn Jahre; laut Amnesty International mündeten sie in 109 Verurteilungen. Erst die Propaganda gegen Gouverneur Basuki «Ahok» Tjahaja Purnama und die von rassistischen und religiös-populistischen Tönen begleitete Hetzjagd auf den chinesischstämmigen Christen wirken als Augenöffner.

Das Verhältnis zwischen dem Islam und dem indonesischen Staat war stets von gegenseitigem Misstrauen geprägt. Die Gründungsväter Sukarno und Hatta waren Muslime, doch in erster Linie waren sie Nationalisten. Religiöse Bewegungen wie Sarekat Islam trugen zu Beginn des 20. Jahrhunderts wohl auch zu jenem nationalen Erwachen und damit zur späteren Unabhängigkeit des ehemaligen niederländischen Kolonialgebiets bei. Für Sukarno, den ersten Präsidenten des Vielvölkerstaats und Bewunderer Atatürks, war indessen entscheidend, dass ein islamischer Staat sowohl den Aufbau und den Zusammenhalt der Nation als auch deren Weg in die Moderne behindern würde. Beide Warnungen bleiben im 21. Jahrhundert höchst relevant.

«Einheit in Vielfalt» – auch konfessionell – war und ist das Schlagwort, das die Republik wie einen Gründungsmythos begleitet hat. Wie anders soll ein Archipel dieser Dimension und solcher kultureller Komplexität friedlich zusammengehalten werden können? Mit dem für Indonesier typisch unbeschwerten Witz heisst es mitunter, man sei letztlich wie eine Zwiebel: äusserlich ein stolzer Patriot und gleich unter der Schale ein Muslim. Wer tiefer schäle, entdecke den Christen und den Hindu. Aber ganz im Innern stosse man dann auf den Animisten. Da bliebe eigentlich nicht viel Raum für radikale Gedanken.

Mit Islam Nusantara – dem Islam des Archipels – bezeichnet man die tolerante religiöse Ausrichtung, die sich in dieser kulturell mehrschichtigen Nation entwickelt hat und die sowohl die Sukarno-Zeit als auch nach 1965 die autoritäre Ära Suharto prägte. Kulturelle Eigenständigkeit, militärische Repression plus politischer Maulkorb unter Suharto: So könnte man das Phänomen umschreiben, dass der Islam in Indonesien jahrzehntelang keine politische Explosivkraft entwickeln konnte und salafistische Strömungen marginalisiert blieben. Die Religiosität blieb so letztlich in der privaten Sphäre.

Was Indonesien fehlt,
sind mutige Stimmen,
die das Staatsmotto
«Einheit in Vielfalt»
und Toleranz betonen.

Radikale Strömungen konnten erst nach dem Fall von Suhartos Diktatur 1998 Fuss fassen: Drei Monate später wurde die Islamische Verteidigungsfront (FPI) gegründet, die in Jakarta mit Knüppeln zur Respektierung islamischer Regeln aufrief. Die Gruppe Laskar Jihad sandte damals Tausende von Anhängern auf die Molukken und nach Sulawesi, damit sie gegen Christen kämpfen. 2001 rekrutierten islamische Extremisten im ganzen Land Freiwillige für den Kampf gegen die USA in Afghanistan. Im Oktober 2002 riss eine Gruppe von Attentätern, die man der Jamaa Islamiya und Schülern des muslimischen Hasspredigers Abu Bakar Bashir zuordnete, in Bali über 200 Personen in den Tod. Auch in Jakarta kam es zu Attentaten. Im politischen Vakuum nach dem Sturz Suhartos hatten auch religiöse Wirrköpfe rasch ihr Plätzchen gefunden.

Das Attentat von Bali war für die damalige Regierung aber der Auslöser zur Zerschlagung gewaltbereiter Organisationen, die unter Jihad Bombenanschläge zu Hause und Söldnerdienste im Ausland verstanden. Bis heute gehen die Sicherheitskräfte resolut gegen Terrorverdächtige vor. In der Folge ist der Bombenterror aus dem Untergrund praktisch verschwunden. Radikale islamische Kräfte setzen nun auf Massenbewegungen, Ausgrenzung, Solidarität unter grünen Bannern, Frömmigkeit – und neuerdings auf Wahlen.

Noch immer präsentiert sich das neue Indonesien mit Errungenschaften, die leicht übersehen werden: Freie Wahlen, Demonstrationen und Meinungsfreiheit sind selbstverständlich geworden. Nach der Asienkrise und dem Fall von Suharto schaffte Indonesien eine bemerkenswerte Demokratisierung aus eigener Kraft. Dezentrale Strukturen wurden gestärkt, Verfassungsänderungen verbannten das Militär und die Polizei aus dem Parlament und ebneten den Weg für Direktwahlen von Präsident, Gouverneuren und Bürgermeistern. Indonesien hat an Ausstrahlungskraft zurückgewonnen und gilt als Beispiel für Toleranz, Offenheit und friedliche Lösung von Konflikten. Mit Blick auf die Nachbarstaaten in Südostasien ist das derzeit nicht wenig.

Hat man vergessen, dass diese Errungenschaften verteidigt werden müssen? Zur politischen Liberalisierung Indonesiens gehörte auch, dass viele muslimische Parteien wie Pilze aus dem Boden schossen. Die meisten sind aber wieder verschwunden oder im Schatten der traditionell nationalistischen Grossparteien geblieben. Unter den islamisch geprägten Parteien hat interessanterweise die Partei der nationalen Erweckung, die einst von Mitgliedern der islamischen Massenorganisation Nahdatul Ulama gegründet worden war und mit dem Islam-Gelehrten Abdurrahman Wahid 1999 den Präsidenten stellte, die meisten Stimmen gewonnen. Dennoch: Die Islamisierung Indonesiens ist eine Tatsache, und sie trägt ein neues Gewand, das nicht ignoriert werden sollte.

Neu ist, dass sich bei allen Parteien ein Wettlauf um Religiosität abzeichnet. Die Rückkehr des politischen Islams zeigt sich vor allem in lokalen Dekreten, die der Scharia angeglichen sind. Als Einheizer tritt unter anderen die FPI auf. Diesem islamischen Trend ist bereits der frühere Präsident Yudhoyono nicht entgegengetreten. Sein Nachfolger Widodo tat das lange auch nicht. Kürzlich hat er immerhin die Hizbut Tahrir verboten, also jene Organisation, die Indonesien in ein Kalifat verwandeln will. Aber mit der Kampagne gegen den christlichen Gouverneur von Jakarta hat sich islamische Frömmigkeit bei Wahlen erstmals als durchschlagendes Argument erwiesen.

Das Erfolgsrezept dürfte den Zeitgeist verstärken und könnte Schule machen. In der indonesischen Öffentlichkeit sind islamische Symbole omnipräsent geworden. Die Unterscheidung zwischen «Santri», den devoten Muslimen, und den weniger frommen «Abangan» macht Schule. Pop-Konzerte, Schönheitswettbewerbe, leichte Kleidung, Partys, Alkohol und Prostitution sind in den Augen radikaler Muslime Zeichen westlicher Dekadenz. Der Bau von Moscheen floriert, der Bau von Kirchen dagegen stösst immer häufiger auf administrative Hürden. Frauen werden zum Tragen von Kopftüchern angehalten. Neu ist auch der Warnfinger, der von Muslimen verlangt, nur Muslime zu wählen und dass man einem Ungläubigen wie «Ahok» die Gefolgschaft verweigere – weil dies der Koran angeblich so vorschreibt.

Was Indonesien fehlt, sind mutige Stimmen, die das Staatsmotto «Einheit in Vielfalt» und Toleranz betonen. Dazu gehört ein Präsident, der sich aus politischen Gründen scheute, im Fall «Ahok» die verfassungsmässig verbriefte Gleichberechtigung von sechs Weltreligionen in Indonesien in Erinnerung zu rufen. Ferner fehlt es Institutionen wie Gerichten an Rückgrat, um dem Druck der Strasse zu widerstehen, was im Fall «Ahok» dazu führte, dass Richter ohne strafgesetzliche Notwendigkeit über den Antrag der Staatsanwaltschaft hinausgingen. Noch ist unklar, ob die Abwahl und die Inhaftierung des Gouverneurs als untypischer Einzelfall zu betrachten sind. Einiges deutet darauf hin, dass in Indonesien jener Geist, der rechtsstaatliche und besonnene Antworten erfordert, geschwunden ist. Besorgniserregend ist auf jeden Fall, dass sich genügend Wähler von der religiösen Polemik beeindrucken liessen. Die Islamisierung von Gesellschaft und Politik erhöht den Druck auf den bisher so geschätzten Pluralismus, der untrennbar mit der noch jungen Demokratie verbunden ist.

Im Hof des Rathauses von Jakarta wird mit Blumenbuketts Abschied vom abgewählten christlichen Gouverneur «Ahok» genommen. (Bild: Dasril Roszandi / NurPhoto / Getty)

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Post Author: Sternmone

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