Die perfekte WG für Menschen ab 50

Erstmals können sich nun mögliche WG-Partner mittels eines Algorithmus annähern
  • Statistiker der Ludwig-Maximilians-Universität in München haben das Geheimnis harmonischer Wohngemeinschaften ergründet.
  • Hinter dem Projekt steckt die Online-Plattform „Gold WG“, die gezielt Menschen ab 50 Jahren unter ein gemeinsames Dach bringen möchte.
Von Ulrike Heidenreich

Geschmatze, Geklecker und Reden mit vollem Mund – schlechte Tischmanieren sind in Wohngemeinschaften der größte Beziehungskiller.

Krachen kann es auch, wenn der WG-Genosse extreme politische Ansichten vertritt, die man beim besten Willen nicht tolerieren kann. Oder wenn er öfters ein Stück Fleisch in den Kühlschrank legt, obwohl man selbst Veganer ist.

Gut, wenn man von solchen Macken vorher weiß; zusammenleben mag man mit so einem Menschen nicht. Erstmals können sich nun mögliche WG-Partner mittels eines Algorithmus annähern. Ein Test klärt, wo es Stress geben könnte, ähnlich wie bei einer Partnerbörse.

Das Geheimnis harmonischer Wohngemeinschaften haben Wissenschaftler des Instituts für Statistik der Ludwig-Maximilians-Universität in München zu ergründen versucht. Das Verfahren auf der Basis von Persönlichkeitsmerkmalen zielt darauf ab, dass Menschen mit ähnlichen Wünschen und Interessen zueinanderfinden – auch, wenn sie schon älter sind. Hinter dem Projekt steckt eine Online-Plattform namens „Gold WG“, die gezielt Menschen ab 50 Jahren unter ein gemeinsames Dach bringen möchte.

Niedrige Renten, wachsende Altersarmut, explodierende Mieten, Angst vor Einsamkeit, mehr Scheidungen bei älteren Paaren – aus all diesen Gründen sieht „Gold WG“-Gründerin Monika Kohut, selbst 66 Jahre alt, das Zusammenleben Gleichaltriger und Gleichgesinnter als Zukunftsmodell. Nach Prognosen des Statistischen Bundesamts werden im Jahr 2030 mehr als 22 Millionen Deutsche über 65 Jahre alt sein, das ist ein Drittel mehr als heute.

Das erste halbe Jahr ist die Mitgliedschaft gratis

Die Münchnerin selbst hat seit 14 Jahren WG-Erfahrung: „Mein Sohn zog aus, und ich lebte plötzlich alleine in einer Riesenwohnung.“ Ähnlich geht es knapp fünf Millionen Deutschen zwischen 50 bis 69 Jahren, sie alle leben in Einpersonenhaushalten. Dies ist die Zielgruppe von Kohut, deren Menschenkenntnis mit der Zahl und den Macken ihrer WG-Mitbewohner über die Jahre wuchs.

Für die Ausarbeitung eines Bogens mit 50 Fragen, die für das Zusammenleben in einer Haus- oder Wohngemeinschaft existenziell wichtig sind, zog sie außerdem zwei Psychologinnen zu Rate. Weil Ernährung ein Topos ist, der offenbar über Krieg und Frieden in WGs entscheidet, geht der Test hier ins Detail. Anzukreuzen ist etwa: Ich esse alles. Ich bin Vegetarier. Ich bin Veganer. Ich bin Frutarier. Ich bin Pescetarier. „Mangelnde Kompromissbereitschaft auf den Feldern Rauchen, Religion und Sauberkeit sind ebenfalls Ausschlusskriterien“, sagt Kohut. Eine perfekte Paarung per Algorithmus finde sich da nie. Und wenn man später total verschroben wird? „Klar ändert man sich mit dem Alter, die grundsätzlichen Einstellungen für das Zusammenleben aber bleiben.“

Senioren- und Pflege-WGs, Mehrgenerationenhäuser und barrierefreies Wohnen sind im Trend. Und so hat auch das Projekt „Gold WG“ Förderer gefunden. Neben der Uni wirkt die Bundesinitiative 50 plus beratend, die Firma Microsoft sieht Potenzial und gibt Geld per Start-up-Programm. Das erste halbe Jahr ist die Mitgliedschaft gratis. Bereits 600 WG-Interessierte sind angemeldet. Eine Gemeinsamkeit haben sie alle, so Kohut. Bei Musikgeschmack geben sie an: Klassik und Oldies.

 

Link zum Beitrag: http://www.sueddeutsche.de/leben/zukunftsmodell-gute-manieren-gerne-oldies-1.3528857

Post Author: Sternmone

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