Ganz schön voll hier

Bis zum Jahr 2100 soll die Weltbevölkerung von 7,5 Milliarden Menschen auf elf Milliarden ansteigen. Mythen, Fakten und die Antwort auf die Frage, ob die Erde das aushält.

Was Superlative betrifft, ist Niger ein Geheimtipp.

Wirtschaftlich ist der westafrikanische Wüstenstaat völlig unbedeutend, auch politisch passiert nicht viel, außer dass immer mehr Westafrikaner das Land auf ihrem Weg nach Europa passieren.

Doch es gibt ein Ranking, da besetzt der unscheinbare Staat den Spitzenplatz: Nirgendwo auf der Welt werden pro Frau mehr Kinder geboren, nämlich durchschnittlich mehr als sieben. Prognosen für die nächsten 100 Jahre katapultieren Niger mit seinen derzeit knapp 20 Millionen Einwohnern, in die Top 10 der bevölkerungsreichsten Länder weltweit – und das unter der Annahme, dass die Fertilitätsrate des Landes über die Jahrzehnte abnimmt.

Voraussagen wie diese haben etwas Bedrohliches. Und es geht nicht nur um Niger.

Bevölkerungsforscher beobachten die Entwicklung ganz Afrikas mit Sorge, wo fünf Kinder pro Frau in vielen Ländern normal sind.

Während die Geburtenraten in Europa, Lateinamerika und in den meisten asiatischen Regionen deutlich gesunken sind, bleiben sie in Afrika südlich der Sahara hoch – also ausgerechnet dort, wo die Armut am höchsten und die Aussicht der Menschen auf Jobs am schlechtesten ist. Kombiniert mit Regionen wie Asien, wo trotz sinkender Geburtenzahlen immer noch mehrere Milliarden Menschen leben, ergibt sich ein erschreckendes Szenario:

Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass die Weltbevölkerung bis ins Jahr 2100 von derzeit 7,5 Milliarden Menschen auf mehr als elf Milliarden ansteigen wird. Asien wird demnach mit fast fünf Milliarden Menschen noch immer die bevölkerungsreichste Region der Welt sein, dicht gefolgt von Afrika mit knapp 4,4 Milliarden. Der Kontinent würde dann mehr als vier Mal so viele Menschen beherbergen wie heute.

Im Jahr 2100 soll Afrika vier Mal so viele Menschen beherbergen wie heute

Wie kann das funktionieren? Werden manche Regionen kollabieren? Versinken die Menschen in Verteilungskriegen um Land, Wasser und Energie, oder migrieren sie in Massen in reichere Gegenden? Kann die Erde ein solches Wachstum überhaupt ertragen? Und doch lohnt es sich, die globale Bevölkerungsentwicklung mit etwas weniger Panik zu betrachten. Denn sie ist im Grunde nicht das eigentliche Problem. Sondern das Symptom globaler Schieflagen, die man durchaus beheben kann.

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Alter

Zunächst einmal hilft es, nicht nur die absoluten Zahlen in den Blick zu nehmen, denn die Wachstumsrate der Menschheit sinkt seit Langem. Im globalen Schnitt bekommen Frauen heute nur noch 2,5 Kinder, 1965 waren es noch fünf. Experten vermuten deshalb, dass Ende des Jahrhunderts bei etwa 11 Milliarden Menschen das Maximum erreicht sein wird, vielleicht sogar schon früher. Aber was genau steuert dieses Auf und Ab?

Ruth Müller forscht zu internationaler Demografie am Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Warum Menschen viele oder wenige Kinder bekommen, sagt die Demografin, lässt sich meist recht eindeutig erklären. „Hohe Fertilitätsraten spiegeln einen niedrigen sozioökonomischen Entwicklungsgrad“, sagt Müller. Heruntergebrochen heißt das: Wo es an Bildung, Arbeit, Gesundheits- und Altersvorsorge fehlt, insbesondere für Frauen, bekommen die Menschen viele Kinder.

Das westafrikanische Niger erfüllt praktisch jedes dieser Kriterien. Nur ein Drittel der Mädchen geht überhaupt jemals zur Schule, lediglich 8 Prozent schaffen es in die Sekundarstufe. Sie werden früh verheiratet – zu früh, um in sich etwas anderes zu sehen als eine Hausfrau und Mutter. Hinzu kommt eine miserable medizinische Versorgung, fast jedes zehnte Kind stirbt vor seinem fünften Geburtstag. „Wenn Frauen davon ausgehen, dass nicht alle ihre Kinder überleben, werden sie öfter schwanger – dieser Zusammenhang ist nachgewiesen“, sagt Müller. Und letztlich gehört Niger auch zu den vielen schlecht regierten Staaten der Welt, deren Bewohner sich im Alter auf nichts als ihre Familien verlassen können – und sich entsprechend mit viel Nachwuchs absichern wollen.

Umgekehrt zeichnen sich wirtschaftlich hoch entwickelte Länder alle durch niedrige Geburtenraten aus – was neue Probleme mit sich bringen kann, wie die überalterten Gesellschaften in Japan oder auch Deutschland zeigen.

Trotzdem ist es aus Entwicklungssicht wichtig, hohe Fruchtbarkeitsraten zu senken.

Zwangsmaßnahmen wie die problematische Ein-Kind-Politik, die China lange verfolgte, seien dafür nicht nötig, sagt Ruth Müller.

Nicht einmal viel Geld brauche man: „Bangladesch hat gezeigt, dass es auch unter wirtschaftlich schwierigen Umständen möglich ist, die Zahl der Kinder pro Frau zu senken und damit die Entwicklung eines Landes anzukurbeln.“

Die Reproduktionsrate liegt dort derzeit bei 2,1 Kindern pro Frau. In gut entwickelten Regionen ist dies die Rate, bei der die Bevölkerung konstant bleibt, weil jede Frau im Schnitt eine Tochter großzieht (aus biologischen Gründen werden etwas mehr Jungen als Mädchen geboren). Noch 1990 brachten Frauen in Bangladesch im Schnitt fast 4,5 Kinder zur Welt.

Die Geburtsraten fallen bei positiver Entwicklung von allein

 Geschafft hat Bangladesch diese Kehrtwende mit einem simplen Stipendienprogramm: Familien, deren Töchter zur Schule gingen, bekamen Geld dafür. Die Regierung schickte zudem Familienplanungsexperten in alle Ecken des Landes, um Frauen über Verhütung aufzuklären. Außerdem entscheidend: In der Textilindustrie fanden sich Jobs für Frauen, die in der Folge später und weniger Kinder bekamen. „Der politische Wille ist entscheidend, um Geburtenraten ohne Zwang und großen Aufwand zu senken“, sagt Ruth Müller. Wo der Wille fehlt – wie in einigen Ländern Afrikas, deren Regierungen eine große Bevölkerung immer noch als Machtfaktor sehen – werde es dagegen schwierig.

Was also tun? Es hat nachweislich wenig Sinn, und verbietet sich ohnehin aus ethischen Gründen, andere Länder von außen zur Geburtenkontrolle zu drängen. Jedoch: „Jede Form von Entwicklungszusammenarbeit, die sich für Bildung, Gesundheit und die Schaffung von Arbeitsplätzen einsetzt, wirkt indirekt auf die Bevölkerungsentwicklung“, sagt Müller. Man sollte sich also nicht zwanghaft auf sinkende Geburtenraten fixieren – wenn sich die Situation der Bevölkerung insgesamt positiv entwickelt, fallen sie von ganz allein.

Aber die Angst vor immer größeren Menschenmassen hält sich. 1972 hatte die klassische Studie „Die Grenzen des Wachstums“ im Auftrag des Club of Rome ein deprimierendes Bild gezeichnet: Wenn sich nicht bald etwas ändere, werde das exponentielle Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum bei immer schlimmerer Umweltzerstörung die Erde unweigerlich in den Kollaps treiben. Und in vieler Hinsicht hatten die Autoren recht mit ihrem Weckruf; niemand kann leugnen, dass die Ressourcen des Planeten endlich sind.

Trotzdem wirkt der Bericht aus heutiger Sicht doch sehr pessimistisch – und menschenfeindlich.

Die Autoren hatten zwar die künftige technische Entwicklung berücksichtigt, aber wie rasch sich manche Schlüsseltechnologie entwickeln würde, hatten die Autoren nicht vorausgesehen; etwa den Siegeszug erneuerbarer Energie. Auch hatten sie unterschätzt, wie schnell Entwicklung und Urbanisierung die Geburtenraten senken würden. Vor allem aber steht hinter den Modellen die Annahme, dass immer mehr Menschen immer mehr konsumieren und immer mehr Dreck machen. Das muss nicht so sein.

 „Es gibt keinen absoluten Mangel. Es ist zu viel hier, zu wenig dort“, sagt Nebojša Nakićenović

Schon heute ist ja die Belastung des Planeten sehr unterschiedlich verteilt:

Ein Mensch in den USA verbraucht im Schnitt fast dreißig Mal mehr Energie als einer in Senegal.

Würden alle essen, wohnen und in SUVs herumfahren wie die Deutschen, wären nach Berechnungen des Global Footprint Networks mindestens drei Erden nötig, um den Ressourcenbedarf zu decken. Eine Welt voller Tadschiken oder Pakistaner käme derzeit mit dem halben Planeten aus. Welche Nation bringt das Gleichgewicht denn durcheinander? Die Nigerianer vielleicht, weil das Land so schnell wächst? Oder die Inder, weil es so viele sind? In den Niederlanden ist die Bevölkerungsdichte höher, bei enormem Konsum. Wohin nur mit all den Holländern? „Es geht nicht um die Anzahl Menschen, es geht um den Lebensstil“, sagt Owen Gaffney von der Universität Stockholm. „Wenn alle leben wie Sie und ich, dann geht es nicht auf.“

Das heißt nicht, dass das Bevölkerungswachstum die Menschheit zu bitterer Armut verdammt.

Der westliche Lebensstil ist nicht haltbar, schon wegen des Klimaschadens.

Das wäre aber auch dann so, wenn es nur drei Milliarden Menschen gäbe. Umgekehrt könnten durchaus auch neun Milliarden anständig leben, wenn alle etwas bescheidener sind. „Es gibt keinen absoluten Mangel. Es ist zu viel hier, zu wenig dort“, sagt Nebojša Nakićenović vom Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien, der sich mit Szenarien für das Jahr 2050 beschäftigt. Er glaubt nicht, dass die Zukunft düster wird. „Aber wir müssen planen. Das ist der Welt in den vergangenen zwanzig Jahren etwas verloren gegangen.“

2012 hat eine Gruppe der Vereinten Nationen 65 Schätzungen zur maximalen Zahl von Menschen ausgewertet, die die Erde dauerhaft erträgt. Die Werte gingen enorm auseinander, von zwei Milliarden bis hin zur absurden Zahl von einer Billion; das Mittelfeld landete bei etwa acht Milliarden. Eine einfache Antwort gibt es nicht, denn es hängt von Ansprüchen und Engagement ab: Wenn wenig Fleisch gegessen wird und die Verteilung funktioniert, würden leicht zehn Milliarden satt – auch wenn Afrika und Indien wohl Importe brauchen werden. Wenn die Welt viel Geld in Wassermanagement oder Entsalzungsanlagen investiert, reicht das Wasser. Wenn Städte, deren Bevölkerung sich in den nächsten Jahrzehnten nochmals verdoppeln dürfte, effiziente Strukturen und öffentlichen Nahverkehr aufbauen, werden Energieversorgung und Mobilität einfacher.

Die Erde ist ein großzügiger Planet; sie könnte sehr vielen Menschen eine Heimat bieten. Es ist genug Platz für alle da.

Von Isabel Pfaff und Marlene Weiss

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Bis zum Jahr 2100 soll die Weltbevölkerung von 7,5 Milliarden Menschen auf elf Milliarden ansteigen. Mythen, Fakten und die Antwort auf die Frage, ob die Erde das aushält.
Was Superlative betrifft, ist Niger ein Geheimtipp.
Wirtschaftlich ist der westafrikanische Wüstenstaat völlig unbedeutend, auch politisch passiert nicht viel, außer dass immer mehr Westafrikaner das Land auf ihrem Weg nach Europa passieren.

Link zum Beitrag: http://www.sueddeutsche.de/wissen/bevoelkerungswachstum-ganz-schoen-voll-hier-1.3536414-2

 

 

Post Author: Sternmone

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