„Generation Allah“: Warum wir Muslime uns kritische Fragen stellen müssen

„Generation Allah“: Warum wir Muslime uns kritische Fragen stellen müssen

FOCUS-Online-Experte

Im Namen meiner Religion finden schreckliche Dinge statt. Mord in Stockholm, Berlin, Paris, Syrien, Israel, Brüssel, Kopehagen, Irak, Istanbul, Ägypten und auch Manchester. Der islamistische Terror fordert immer mehr Opfer.

Jedem Anschlag folgt eine Welle der Solidarität und Anteilnahme. Doch wenn sie abgeflaut ist, kehren wir wieder in unsere Alltage, in unsere Normalität zurück und verdrängen die Angst und die schrecklichen Gedanken. Für die Familien der Opfer gibt es aber keine Rückkehr zum Alltag. Ihnen helfen keine Mahnwachen von Muslimen und auch keine Standard-Presseerklärungen, die lieber das Image des Islam schützen, als nach Lösungen für das Problem des Terrorismus zu suchen.

Was sage ich einem Vater, der seine Tochter verloren hat?

Ich habe lange überlegt, was ich einer Mutter oder einem Vater sage, der gerade seine Tochter verloren hat, während sie einfach nur mal an einem Freitagabend shoppen war. Was sage ich einem ägyptischen Kind, das erfährt, dass seine ganze Familie in der Kirche ausgelöscht wurde?

Ich werde einfach sagen, dass ich mich schäme, mit den Tätern eine Sprache, eine Religion, ein Buch zu teilen. Ich schäme mich, dass das, was mich teilweise ausmacht, ein Ungeheuer schaffen konnte. Ich will mich entschuldigen – und trotzdem denke ich: Es kann doch nicht sein, dass ich nur das tun kann.

Über den Experten

Ahmad Mansour, Diplom-Psychologe und Programmdirektor der European Foundation for Democracy, arbeitet in unterschiedlichen Projekten gegen Radikalisierung. Er ist Autor des Buches „Generation Allah“.

Da wo es möglich ist, werden Terroristen morden

Nach jedem Anschlag diskutieren wir über Ursachen und Gründe, darüber wie aus Jugendlichen, die meistens bei uns aufgewachsen sind, Täter werden konnten und suchen nach Theorien, um uns das Unfassbare zu erklären.

Mal sind es die neuen Punks, mal sind es vom Rassismus betroffene Jugendliche, mal sind es einfach nur Kriminelle. Je nach Situation werden unterschiedliche Faktoren in den Vordergrund gestellt und andere dafür ausgeblendet. Je nach Anschlag wird von einsamen Wölfen oder von Strukturen, Helfer und Unterstützer gesprochen.

Doch tatsächlich haben wir es mit einem komplexem Phänomen zu tun, dem wir ins Auge blicken müssen. Anwerbungs- und Bindungsstrategien um Jugendliche zu radikalisieren existieren zu Hauf und bilden den Hintergrund für jede Tat. Denn da, wo es möglich ist, werden Terroristen zuschlagen und morden. Sei es allein oder als Gruppe, in der Synagoge oder Konzerthalle, in Manchester oder in Syrien.

Reden alleine reicht nicht

Deshalb reicht es nicht, immer wieder zu betonen, dass Terror nicht unsere Art und Weise zu leben verändern darf. Dass wir nicht unsere Freiheit aufgeben dürfen. Jedoch werden wir Geld für Sicherheitskonzepte investieren müssen, wir werden unsere Geheimdienste verbessern müssen, unser Personal anders überprüfen und uns langsam, aber sicher von der Idee verabschieden müssen, dass wir mit dem Pkw ungestört bis kurz von den Check-in-Schalter am Flughafen fahren können. All dies wird jedoch nur bedingt helfen, solange wir die Wurzel des Terrorismus nicht erkennen.

Gründe für Radikalisierung sind komplex

Die Radikalisierung eines Täters geschieht aus unterschiedlichen, manchmal komplexen Gründen. Oft beginnt dieser Prozess mit einem psychischen Zustand, dem Gefühl der Entfremdung. Die Jugendlichen sind unglücklich oder unzufrieden mit ihrem Leben. Viele verfügen über kein starkes soziales Umfeld, erlebten Brüche in ihren Familien und den eigenen Biographien.

Wenn zu diesen Umständen instabile Persönlichkeitsstrukturen kommen, entwickelt sich ein Zeitfenster, in dem sie sehr anfällig für eine Radikalisierung werden. Sie suchen nach Anerkennung, einem Neuanfang und der Befreiung aus ihren Umständen.

Salafisten erkennen Zeitfenster für Radikalisierung besser als Sozialarbeiter

Dies erkennen Salafisten mittlerweile sogar besser als unsere Sozialarbeiter und dort setzen sie gezielt an. Sie kümmern sich, zeigen Interesse, schaffen Bindung und kämpfen um diese Jugendlichen.

Viele von ihnen fühlen sich unterrepräsentiert, missverstanden und chancenarm. Stehen die Salafisten vor dem Schultor, tauchen sie auf dem Bolzplatz beim Kicken auf oder im Jugendzentrum, in dem die langweiligen Nachmittage vorüberziehen, so springen die Jugendlichen auf ihre Parolen an.

Denn sie machen sinnstiftende Angebote, welche die Jugendlichen nirgends anders so leicht bekommen: Du als Muslim bist in Ordnung. Deine hierarchische Idee von der Welt ist genau richtig. Wir sind die Größten und die Reinsten. Wir werden den Kampf gegen die Ungläubigen und Unreinen gewinnen.

Islamismus wird zur einer Art Jugendkultur

Islamistische Fanatiker geben den orientierungslosen Jugendlichen Halt und klare Regeln. Sie finden starke Ersatzväter, haben das Gefühl, zu einer heimlichen Elite zu gehören und endlich eine Identität gefunden zu haben. Sie glauben daran, sich einem höheren Zweck angeschlossen zu haben, regelrecht erleuchtet zu sein. Ein einfaches Schwarz-Weiß-Muster teilt die Welt in Gut und Böse, in Gläubige und Ungläubige, Opfer und Feind auf.

Man selber steht auf der Seite der Opfer und des Guten. Man ist als Islamist in den eigenen Augen der bessere Muslim, besser sogar als die Eltern. Damit wird Islamismus in bestimmten Kreisen auch zu einer Art neuen Jugendkultur. Denn dadurch bekommen sie eine sichtbare Identität, sie bekommen eine Gruppe und das Gefühl dazu zu gehören.

Islamismus als reine Jugendkultur zu begreifen wäre falsch. Soziale und psychologische Faktoren spielen eine große Rolle beim Heranwachsen von deutschen Islamisten, doch die Religion ist eine nicht zu unterschätzende Komponente.  Erst ein Islamverständnis, das Menschen entmündigt und zu Gehorsam zwingt, ihnen starke Opfer- und Feindbilder lehrt und nur die Angst als pädagogisches Mittel kennt, ermöglicht den fundamentalen Islamismus.

Das „echte“ Leben beginnt für Islamisten nach dem Tod

Die Abwertung des Lebens ist dabei zentral. In der islamistischen Ideologie gibt es den Begriff der „Dunja“, er bedeutet so viel wie „dieses Leben“. Unter Islamisten wird die Dunja, verachtet. Das Leben im hier und jetzt ist unwichtig, da das „echte“ Leben erst nach dem Tod beginnt.

Wenn man sich nur um das diesseitige Leben gekümmert und sündhaft mit Spaß, Liebe und Alkohol gelebt hat, dann wird man in der Hölle landen. Wenn man nach den Regeln der Islamisten gelebt, gebetet und sich von Sünden ferngehalten hat, dann wird man im Paradies landen. Hier bekommt man alles, was man im diesseitigen Leben nicht bekommen konnte: Glück, Gesundheit und Frauen. Für unzufriedene Menschen ist das ein Ausweg.

Mischung aus Hass-Ideologie und Verachtung des Lebens produziert Selbstmordattentäter

Die Denklogik ist folgende: Ich nehme es in Kauf, hier zu leiden, an Wohlstand und gesellschaftlichem Leben nicht teilzuhaben und hoffe, nach 70 bis 80 Jahren meine Belohnung zu bekommen.  Wenn ich nun aber Selbstmordgedanken habe, depressiv bin und mein Ableben nicht abwarten kann, dann schafft mir Terrorismus einen Ausweg.

Mit einem Sprengstoffgürtel und dem Tod einiger Ungläubiger bin ich sofort bei Allah! Mein Leiden hat ein Ende und ich bekomme alles, was ich in diesem Leben nicht gehabt habe. Es ist doch die Mischung aus Hass-Ideologie und Verachtung des Lebens, die Selbstmordattentäter produziert.

Wie gehen wir mit Integration und Islamismus um?

Diese Kette von Mechanismen zu unterbrechen ist keine leichte Aufgabe. Sie beginnt bei der Frage, wie wir mit Integration und Islamismus umgehen. Relativierungen halte ich für sehr gefährlich. Wenn man an deutschen Schulen meint, das muslimische Milieu eines Mädchens zu berücksichtigen, wenn sie vom Schwimmunterricht oder von Klassenreisen befreit, dann tut man niemandem einen Gefallen.

Es ist nicht tolerant, sondern rassistisch, damit einverstanden zu sein, dass ein muslimisches Kind weniger lernen sollte, als ein nicht-muslimisches Kind. Relativierungsversuche wie dieser tragen dazu bei, dass religiöse Fundamentalisten an Einfluss gewinnen. Die Frage über Integration und Islam beginnt also schon in unser aller Köpfe. Wie wollen wir mit diesen Problemen in Deutschland umgehen? Wie schaffen wir es, zu verhindern, dass unsere Jugendlichen zu Attentätern werden?

Ahmad Mansour bei einer Pressekonferenz in Berlin.
„Generation Allah“: Warum wir Muslime uns kritische Fragen stellen müssen

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Post Author: Sternmone

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